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Vom Kollegen zur Führungskraft: Wie Sie ehemalige Kollegen führen, ohne plötzlich den Chef zu spielen

Autorenbild: Frank Max
Frank Max
3. Sept.
8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Sept.

Am Freitag haben Sie mit den anderen noch über den Chef diskutiert. Am Montag sind Sie es selbst.

Neue Führungskraft im Gespräch mit ihrem bisherigen Team - erstellt mit ChatGPT

Ganz so schnell geht eine Beförderung meistens nicht. Der Rollenwechsel kann sich trotzdem erstaunlich abrupt anfühlen: Ein Kollege erwartet weiterhin den vertrauten kurzen Dienstweg, jemand anderes stellt Ihre Entscheidung plötzlich auffällig ausführlich infrage, und Ihr eigener Vorgesetzter geht ganz selbstverständlich davon aus, dass Sie nun für Ergebnisse sorgen, für die Sie letzte Woche noch gar nicht verantwortlich waren.

Wer im eigenen Team vom Mitarbeiter zur Führungskraft aufsteigt, startet deshalb nicht bei null. Das ist ein Vorteil – und zugleich die eigentliche Schwierigkeit. Die Beziehungen sind schon da, die Gewohnheiten auch. Nur Ihre Verantwortung hat sich verändert.


Die wichtigste Antwort vorweg: Sie brauchen weder mehr Härte noch künstliche Distanz. Sie brauchen Rollenklarheit. Je klarer Sie selbst wissen, was in der bisherigen Beziehung zum Team bleiben darf, was sich durch Ihre neue Verantwortung verändert und wo Ihre Entscheidungsgrenzen liegen, desto weniger müssen Sie später Autorität inszenieren.



Executive Summary: Was jetzt wirklich zählt

  • Behandeln Sie Ihre Beförderung nicht wie einen reinen Titelwechsel. Beziehungen dürfen bleiben, Verantwortlichkeiten und Grenzen müssen klarer werden.

  • Klären Sie zuerst Ihren Auftrag: Was entscheiden Sie selbst, welche Ergebnisse werden von Ihnen erwartet und welche bisherigen Aufgaben müssen Sie abgeben?

  • Wenn Sie diese Woche nur einen Schritt tun: Klären Sie für sich „Was bleibt? Was ändert sich? Was muss ich noch klären?“ Das ist die erste Landkarte. Die eigentliche Führungsarbeit beginnt danach.



Der erste Schritt: Was bleibt – was ändert sich – was müssen Sie klären?

Bevor Sie überlegen, welchen Führungsstil Sie künftig pflegen, wie Sie Ihr erstes Mitarbeitergespräch führen oder ob Führungskräfte grundsätzlich bedeutungsvoll mit einem Notizbuch durch die Abteilung gehen sollten, lohnt sich eine wesentlich einfachere Bestandsaufnahme.


Nehmen Sie ein Blatt Papier und bilden Sie drei Spalten: Was bleibt? – Was ändert sich? – Was muss ich klären?

Unter „Was bleibt?“ können Ihre Art zu kommunizieren, Ihr Humor, Ihr fachliches Interesse oder bewährte Formen der Zusammenarbeit stehen. Unter „Was ändert sich?“ gehören Themen wie Entscheidungsverantwortung, vertrauliche Informationen, Aufgabenverteilung und die Verantwortung dafür, dass Vereinbarungen eingehalten werden.


In die dritte Spalte kommen die offenen Fragen: "Welche Entscheidungen dürfen Sie selbst treffen? Was erwartet Ihr eigener Vorgesetzter? Welche bisherigen Aufgaben sollen Sie abgeben? Wo liegen Ihre Spielräume? Und wie möchten Sie mit persönlichen Freundschaften im Team umgehen?"


Diese drei Spalten liefern keine komplette Führungslösung. Sie verhindern aber, dass Sie mit Methoden an einem Problem arbeiten, das in Wahrheit aus einer ungeklärten Rolle entstanden ist. Und sie bringen Sie sehr schnell zu der Frage, die viele neue Führungskräfte zu spät stellen: Wofür bin ich jetzt eigentlich verantwortlich – und wofür nicht mehr?



Ehemalige Kollegen führen: Warum „Bei uns ändert sich doch nichts“ meistens nicht funktioniert

Ihre ehemaligen Kollegen kennen Sie. Sie wissen, wie Sie unter Zeitdruck reagieren, welche Aufgaben Sie früher selbst nicht besonders mochten und möglicherweise auch, was Sie vor zwei Jahren über irgendeine Entscheidung der Geschäftsführung gesagt haben. Umgekehrt kennen Sie das Team ebenfalls ziemlich gut. Das ist ein echter Vorteil – und genau deshalb ist der interne Aufstieg kein Neustart, sondern eine Neuordnung bestehender Beziehungen.


Der gut gemeinte Satz „Keine Sorge, ich bin doch immer noch die/- derselbe“ greift deshalb zu kurz. Wenn Sie im eigenen Team vom Kollegen zur Führungskraft werden, müssen Sie weder mit tieferer Stimme sprechen noch Wörter wie 'Performanceorientierung' lieben. Trotzdem müssen Sie vielleicht Urlaubswünsche gegeneinander abwägen, vertrauliche Informationen schützen, die Leistung eines Freundes beurteilen oder Entscheidungen vertreten, die im Team nicht beliebt sind.


Wenn Sie diese Veränderung unsichtbar lassen, entwickeln unterschiedliche Menschen unterschiedliche Erwartungen: Der eine rechnet mit Freundschaftsbonus, der nächste mit besonders strenger Behandlung und ein dritter testet erst einmal, wie ernst Ihre Entscheidungen eigentlich gemeint sind.

Die Lösung ist auch nicht demonstrative Distanz. Persönliche Beziehungen dürfen bleiben. Sie brauchen lediglich klarere Grenzen: Nähe darf nicht darüber entscheiden, wer die angenehmsten Aufgaben bekommt. Vertrauliche Informationen bleiben vertraulich. Und wenn ein guter Freund eine Vereinbarung nicht einhält, wird die Freundschaft nicht dadurch geschützt, dass Sie das Thema drei Monate lang äußerst taktvoll übersehen.

Nähe ist also nicht das Problem. Unklare Rollen sind es.



Sprechen Sie den Rollenwechsel aus, statt ihn gemeinsam zu erraten

Auch Ihr Team weiß zunächst nicht genau, wie Sie sich verhalten werden. Vielleicht befürchtet jemand, dass Sie jetzt alles umkrempeln. Ein anderer hofft, dass durch Ihre Beförderung endlich alte Wünsche durchgewunken werden. Und möglicherweise sitzt jemand im Team, der sich selbst Chancen auf die Position ausgerechnet hatte.

Daraus müssen Sie keine gruppendynamische Sonderveranstaltung machen. Ein frühes Gespräch über die neue Zusammenarbeit ist trotzdem sinnvoll. Zum Beispiel so:

„Wir kennen uns lange und ich möchte vieles von unserer bisherigen guten Zusammenarbeit erhalten. Gleichzeitig habe ich jetzt eine andere Verantwortung. Das bedeutet, dass ich manche Entscheidungen treffen und Dinge ansprechen muss, bei denen wir früher einfach Kollegen waren. Ich werde nicht so tun, als hätte sich nichts verändert. Ich habe allerdings auch nicht vor, ab Montag einen völlig neuen Menschen zu spielen.“

Damit ist noch kein Führungsproblem gelöst. Aber wenigstens trägt der Elefant im Raum kein Tarnkäppchen mehr. Klären Sie parallel mit Ihrem eigenen Vorgesetzten, woran Ihre neue Rolle gemessen wird, welche Entscheidungen bei Ihnen liegen und wo Sie Rückendeckung brauchen. Wer oben keine Klarheit hat, kann unten nur schwer verlässlich führen.



Vier Situationen, in denen Ihre neue Rolle besonders schnell sichtbar wird


1. Ein guter Freund erwartet weiterhin den kurzen Dienstweg

„Du kannst das doch schnell für mich regeln.“ Sie müssen solche Bitten nicht grundsätzlich ablehnen. Prüfen Sie nur: "Würde ich bei einem anderen Mitarbeiter unter denselben Umständen genauso entscheiden?" Wenn die Antwort Nein lautet, haben Sie wahrscheinlich weniger ein Sachproblem als ein Rollenproblem.


2. Ein ehemaliger Kollege akzeptiert Ihre neue Rolle nicht richtig

Nicht jeder skeptische Blick ist ein Machtkampf. Wenn Entscheidungen jedoch regelmäßig unterlaufen oder Vereinbarungen ignoriert werden, sprechen Sie das konkrete Verhalten an. Bleiben Sie bei dem, was tatsächlich passiert, statt zu diagnostizieren, ob der andere neidisch, gekränkt oder grundsätzlich führungsresistent ist.


3. Erfahrenere Mitarbeiter kennen manche Dinge besser als Sie

Ihre Führungsrolle verlangt nicht, der klügste Mensch an jedem Tisch zu sein. Ein Satz wie „In diesem Thema kennen Sie sich besser aus als ich. Ich brauche Ihre Einschätzung. Die Entscheidung darüber, wie wir weiter vorgehen, liegt anschließend bei mir“ verbindet fachliche Anerkennung und Führungsverantwortung ziemlich elegant.


4. Das Team erwartet, dass Sie jetzt alte Beschwerden lösen

„Jetzt bist du doch Chef. Dann kannst du endlich …“ Prüfen Sie zuerst Ihren tatsächlichen Entscheidungsraum. Glaubwürdigkeit entsteht nicht dadurch, dass Sie jeden Wunsch versprechen, sondern auch dadurch, dass Sie sauber unterscheiden, was Sie entscheiden können, was Sie versuchen werden und was außerhalb Ihrer Zuständigkeit liegt.



Praxisbeispiel: Martin ist noch Kollege – und gleichzeitig schon Chef

Martin arbeitet seit acht Jahren in einem fünfköpfigen technischen Team und wird zum Teamleiter befördert. Mit zwei Kollegen ist er auch privat befreundet; ein dritter hatte sich selbst auf die Position beworben. Martin möchte niemanden vor den Kopf stoßen. Also übernimmt er weiterhin viele operative Aufgaben, springt ständig ein und vermeidet kritische Gespräche.

Nach einigen Wochen ist die Lage unübersichtlicher als vorher: Der enttäuschte Mitbewerber diskutiert Entscheidungen immer wieder neu, Martins Freunde erwarten informell mehr Hintergrundinformationen, und Martin selbst erledigt zusätzlich zu seinen Führungsaufgaben fast genauso viel Facharbeit wie früher.

Ihm fehlen nicht in erster Linie fünf neue Führungstechniken. Er hat seinen Rollenwechsel noch nicht sauber vollzogen. Sein erster Schritt ist deshalb Klarheit: "Welche operative Arbeit gehört nicht mehr zu seiner Aufgabe? Welche Entscheidungen liegen bei ihm? Was bleibt vertraulich? Welche Regeln gelten für alle?" Erst danach werden Delegation, Feedback oder situative Führung wirklich handhabbar.

Genau an diesem Punkt endet auch die kleine Drei-Spalten-Übung aus diesem Artikel. Sie schafft Orientierung. Die konkrete Gestaltung einer neuen Führungsrolle braucht anschließend mehr als drei Überschriften auf einem Blatt Papier.



Wenn Sie gerade vom Kollegen zur Führungskraft werden

Der Drei-Spalten-Check hilft Ihnen zu erkennen, wo Ihre neue Rolle noch unscharf ist. Im Alltag kommen danach die schwierigeren Fragen: "Wie setzen Sie neue Erwartungen, ohne sich aufzuspielen? Wie führen Sie ehemalige Freunde fair? Wie reagieren Sie auf Widerstand? Und wie lösen Sie sich aus Ihrer alten Fachrolle, ohne dabei den Kontakt zum Team zu verlieren?"


Wenn Sie gerade vom Kollegen zur Führungskraft werden, tauchen nach der ersten Rollenklärung meist sehr konkrete Fragen auf: Wie setze ich Erwartungen, wie delegiere ich, wie gebe ich Feedback – und wie führe ich ein schwieriges Gespräch mit jemandem, mit dem ich gestern noch auf Augenhöhe zusammengearbeitet habe?


Genau dafür ist der PE-Club gedacht. Die einzelnen Führungsthemen heißen dort Team-Mitglieder: kompakte Praxispakete mit verständlichem Führungswissen, Workbook-Elementen, Vorlagen, Checklisten und konkreten Beispielen für den Führungsalltag. Als Mitglied wählen Sie jeden Monat das Team-Mitglied, das gerade zu Ihrer aktuellen Führungsfrage passt. Für diesen Rollenwechsel ist PE-Club 07 „Vom Kollegen zur Führungskraft“ der passende Einstieg.


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Häufige Fragen zum Wechsel vom Kollegen zur Führungskraft


Muss ich mich von meinen ehemaligen Kollegen distanzieren?

Nicht künstlich. Gute persönliche Beziehungen dürfen bestehen bleiben. Entscheidend ist, dass persönliche Nähe nicht über fachliche Entscheidungen, Informationen oder unterschiedliche Maßstäbe entscheidet.


Was tun, wenn ein ehemaliger Kollege meine Beförderung nicht akzeptiert?

Unterscheiden Sie zwischen persönlicher Enttäuschung und Verhalten, das die Zusammenarbeit beeinträchtigt. Gefühle müssen nicht sofort verschwinden. Vereinbarungen und Verantwortlichkeiten müssen trotzdem eingehalten werden. Wenn Ihre neue Rolle wiederholt unterlaufen wird, sprechen Sie deshalb das konkrete Verhalten an – nicht Ihre Vermutung darüber, warum der ehemalige Kollege so reagiert.


Was tun, wenn ein Freund im Team Sonderbehandlung erwartet?

Prüfen Sie, ob Sie bei einem anderen Mitarbeiter unter denselben Umständen genauso entscheiden würden. Falls nicht, sollten Sie die Rollen klarer trennen und nach nachvollziehbaren Kriterien entscheiden.


Was sollte ich als neue Führungskraft zuerst klären?

Ihre Verantwortung, Ihre Entscheidungsbefugnisse, die Erwartungen Ihres eigenen Vorgesetzten und die wichtigsten Veränderungen gegenüber Ihrer bisherigen Kollegenrolle. Danach können Sie Führungsmethoden viel gezielter einsetzen.



Zum guten Schluss

Vom Kollegen zur Führungskraft zu werden bedeutet nicht, die vertrauten Menschen um sich herum plötzlich anders ansehen zu müssen. Sie müssen nur akzeptieren, dass Sie selbst in bestimmten Situationen nun aus einer anderen Verantwortung heraus handeln.

Gelegentlich werden Sie sich vermutlich nach jener beneidenswert einfachen Zeit zurücksehnen, in der man dem Chef noch aus sicherer Entfernung erklären konnte, wie Führung eigentlich funktionieren müsste. Nun dürfen Sie es selbst ausprobieren.

Die gute Nachricht: Dafür müssen Sie weder eine Rolle spielen noch über Nacht ein anderer Mensch werden. Wenn Sie klar verstehen, wofür Sie verantwortlich sind, können Sie Ihre eigene Art zu führen entwickeln – mit genügend Nähe, um die Menschen nicht aus den Augen zu verlieren, und genügend Klarheit, um Ihre neue Aufgabe tatsächlich wahrzunehmen.


Herzliche Grüße aus Düsseldorf

Frank Max | Coach, Autor & Supervisor


Über den Autor

Frank Max arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten mit Menschen, Teams und Führungskräften. Im Leadership-Bereich verbindet er fundiertes Führungswissen mit konkreten Werkzeugen für Situationen, in denen Führung im wirklichen Arbeitsalltag anspruchsvoll wird – etwa beim Rollenwechsel zur ersten Führungskraft, bei Delegation, Feedback, Mitarbeitergesprächen oder Teamkonflikten.

Sein Grundsatz: Führungswissen sollte Menschen handlungsfähiger machen und sich spätestens am nächsten Arbeitstag als brauchbar erweisen.


Quellen und fachliche Anker

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