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Warum Stress gereizt macht: Was bei dauernder Anspannung in Körper und Gehirn passiert

KLAR-IM-KOPF-REIHE: STÄNDIG GEREIZT | TEIL 2 – VERSTEHEN

Angespannter Berufstätiger zwischen vielen gleichzeitigen Anforderungen – Symbolbild für Stress, Gereiztheit und sinkende Belastungsgrenze
mit chat GPT erstellt aus meinem Text

Vielleicht kennen Sie diesen irritierenden Moment: Jemand stellt eine völlig normale Frage, ein Kollege kommt mit einer zusätzlichen Aufgabe um die Ecke oder zu Hause läuft irgendetwas anders als geplant – und Ihre innere Reaktion passt eigentlich überhaupt nicht zur Größe des Problems.

Sie wissen sogar, dass die Sache objektiv keine große Aufregung wert ist. Trotzdem spüren Sie, wie die Geduld schlagartig nachlässt.


Hinterher wundern Sie sich vielleicht selbst: „Warum bringt mich so etwas inzwischen derart auf die Palme? Früher hätte mich das doch kaum gestört.

Genau darin steckt ein wichtiger Hinweis. Denn möglicherweise ist nicht der einzelne Auslöser größer geworden. Verändert haben sich vielmehr die Bedingungen, unter denen Ihr Kopf und Ihr Körper diesen zusätzlichen Reiz verarbeiten müssen.


Stress ist zunächst keine Krankheit. Die Stressreaktion ist ein sinnvolles biologisches Programm, mit dem sich unser Organismus auf erhöhte Anforderungen vorbereitet. Kurzfristig kann das sogar helfen, Aufmerksamkeit und Leistungsbereitschaft zu erhöhen. Hält die Belastung jedoch lange an, fehlen Erholungsphasen oder kommen immer neue Anforderungen hinzu, kann sich das Bild verändern.

Das Bundesgesundheitsportal nennt bei anhaltender Stressbelastung unter anderem Schlaf- und Konzentrationsprobleme, Nervosität und Reizbarkeit. Die interessante Frage lautet deshalb nicht nur: „Kann Stress gereizt machen?

Sondern:

"Warum wird unter Belastung ausgerechnet unsere Geduld dünner?"


KURZÜBERBLICK | DIE EXECUTIVE SUMMARY

der nachfolgende Absatz als Lerngrafik
aus meinem Text erstellt mit Gemini Notebook
  • Stress versetzt den Körper zunächst sinnvoll in erhöhte Handlungsbereitschaft. Problematisch wird weniger die einzelne Stressreaktion als eine Belastung, die kaum noch durch Erholung unterbrochen wird.

  • Unter akutem Stress können unter anderem Arbeitsgedächtnis und kognitive Flexibilität beeinträchtigt sein. Vereinfacht gesagt: Es kann schwieriger werden, mehrere Informationen gleichzeitig im Kopf zu behalten oder gelassen auf Veränderungen umzuschalten.

  • Stress "schaltet den vernünftigen Teil des Gehirns“ nicht einfach aus". Wissenschaftlich sinnvoller ist die Vorstellung, dass sich unter hoher Belastung die Bedingungen für Aufmerksamkeit, Abwägen und emotionale Regulation verändern.

  • Auch schlechter oder zu kurzer Schlaf verschlechtert die Ausgangslage. Eine große Meta-Analyse experimenteller Studien zeigt deutliche Zusammenhänge zwischen Schlafverlust und verändertem emotionalem Erleben.

  • Der berühmte „letzte Tropfen“ ist deshalb häufig tatsächlich nur der letzte Tropfen. Die Reaktion entsteht nicht allein durch die aktuelle Kleinigkeit, sondern auf dem Boden dessen, was vorher bereits reguliert, entschieden, ausgehalten und verarbeitet werden musste.

  • Gereiztheit bleibt trotzdem ein unspezifisches Symptom. Sie kann bei Stress auftreten, aber ebenso andere psychische oder körperliche Ursachen haben. Anhaltende oder deutlich zunehmende Veränderungen gehören deshalb ernst genommen und gegebenenfalls fachlich abgeklärt.



Stress ist zunächst eine ziemlich kluge Erfindung

Stress hat einen schlechten Ruf bekommen. Dabei wäre ein Mensch ohne funktionierende Stressreaktion in vielen Situationen erheblich schlechter aufgestellt.


Wenn Sie im Straßenverkehr plötzlich reagieren müssen, unmittelbar vor einer wichtigen Präsentation stehen oder in einer schwierigen Situation schnell entscheiden müssen, sorgt Ihr Organismus dafür, dass Ressourcen mobilisiert werden.


Das Gehirn bewertet eine Situation als besonders fordernd oder möglicherweise bedrohlich. Daraufhin werden unter anderem die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Herzschlag und Atmung können sich beschleunigen, Blutdruck und Blutzucker steigen, Muskulatur und Kreislauf werden auf erhöhte Leistungsbereitschaft eingestellt. Das ist erst einmal keine Fehlfunktion.

Ihr Körper versucht nicht, Ihnen den Tag zu ruinieren. Er versucht, Sie handlungsfähig zu machen.


Schwierig wird es an einer anderen Stelle: wenn der Ausnahmezustand immer weniger Ausnahme ist.


Zwischen zwei Belastungen müsste normalerweise wieder etwas passieren, das im modernen Alltag erstaunlich leicht verloren geht: Erholung.

Nicht unbedingt Urlaub. Nicht Wellness. Sondern schlicht Phasen, in denen der Organismus nicht schon die nächste Anforderung verarbeiten muss.

Wenn aber nach der Präsentation die E-Mails warten, nach den E-Mails das Meeting beginnt, während des Meetings Nachrichten auflaufen und auf dem Heimweg bereits die private Organisationsrunde startet, kann genau dieser Wechsel fehlen.


Gesund.bund beschreibt für länger anhaltenden Stress eine dauerhafte Anspannung, bei der unter anderem schlechter Schlaf, Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit, Nervosität und Niedergeschlagenheit auftreten können.



Warum der Kopf unter Stress weniger Spielraum hat

An dieser Stelle lohnt sich etwas wissenschaftliche Präzision.

In populären Ratgebern findet man gerne die Erklärung, bei Stress „übernehme die Amygdala das Steuer“, während der vernünftige Teil des Gehirns ausgeschaltet werde. Unser Gehirn besteht nicht aus einem vernünftigen Erwachsenen und einem kleinen emotionalen Höhlenmenschen, die sich abwechselnd um den Fahrersitz streiten.

Was sich wissenschaftlich besser belegen lässt: Stress kann bestimmte kognitive Funktionen beeinflussen, die wir für einen souveränen Umgang mit anspruchsvollen Situationen benötigen.


Eine Meta-Analyse untersuchte beispielsweise die Auswirkungen akuten Stresses auf zentrale sogenannte exekutive Funktionen. Dabei zeigten sich Beeinträchtigungen insbesondere beim Arbeitsgedächtnis und bei der kognitiven Flexibilität. Bei der Fähigkeit, Reaktionen zu hemmen, war das Bild differenzierter.


Was bedeutet das ohne Fachsprache?

Das Arbeitsgedächtnis hilft Ihnen dabei, mehrere Informationen vorübergehend verfügbar zu halten. Sie brauchen es beispielsweise, wenn Sie mitten in einer Aufgabe unterbrochen werden, eine neue Information aufnehmen und anschließend wieder dort weitermachen wollen, wo Sie aufgehört haben.

Kognitive Flexibilität brauchen Sie, wenn sich Bedingungen ändern.

Ein Termin fällt aus. Eine Priorität verschiebt sich. Ein Mitarbeiter kommt mit einem Problem. Ein Kunde möchte plötzlich etwas anderes. Zu Hause funktioniert der Tagesplan nicht wie gedacht.


Ein erholter Kopf kann solche Veränderungen meistens besser auffangen.

Ein bereits stark beanspruchter Kopf erlebt dieselbe zusätzliche Kursänderung möglicherweise als wesentlich störender. Das ist eine hilfreiche Übersetzung von „Ich bin heute so dünnhäutig“. Vielleicht ist Ihre Persönlichkeit gar nicht dünner geworden. Vielleicht ist momentan schlicht weniger Verarbeitungsspielraum vorhanden.



Warum Unterbrechungen so viel mehr kosten als ein paar Minuten

Das wird besonders deutlich im Arbeitsalltag. Stellen Sie sich vor, Sie versuchen eine Aufgabe zu erledigen, für die Sie eigentlich dreißig Minuten konzentrierte Aufmerksamkeit benötigen:


  • Nach fünf Minuten kommt eine E-Mail.

  • Dann klingelt das Telefon.

  • Danach stellt jemand eine Rückfrage.

  • Sie wenden sich wieder Ihrer Aufgabe zu.

  • Jetzt kommt eine Teams-Nachricht.

  • Zwischendurch denken Sie an das Gespräch, das um 14 Uhr ansteht.

  • Dann fällt Ihnen ein, dass Sie noch jemanden zurückrufen müssen.

  • Am Ende des Vormittags waren Sie pausenlos beschäftigt – und haben trotzdem das Gefühl, erschreckend wenig geschafft zu haben.


Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) weist darauf hin, dass psychische Belastung zunächst zu jeder Arbeit gehört und keineswegs automatisch negativ ist. Bei hoher Intensität oder Dauer können Arbeitsbedingungen jedoch zur Überlastung beitragen. Dazu gehören unter anderem hohe Arbeitsintensität und ungünstige Formen der Arbeitsorganisation.


Der entscheidende Punkt ist:

  • Sie mussten nicht nur arbeiten.

  • Sie mussten fortlaufend umschalten.


Und jedes Umschalten verlangt erneut Orientierung. Deshalb kann ein Tag mental erschöpfend sein, obwohl Sie abends Schwierigkeiten hätten, fünf außergewöhnliche Ereignisse aufzuzählen. Es waren vielleicht nicht fünf große. Es waren fünfzig kleine. Der letzte Tropfen trägt selten die ganze Verantwortung


Jetzt kommen wir zurück zu der Szene vom Anfang. Sie kommen nach Hause. Jemand fragt: „Kannst du noch kurz …?“ Und innerlich erscheint Ihnen diese Bitte völlig unangemessen. Der andere Mensch versteht Ihre Reaktion nicht. Und streng genommen hat er damit sogar recht.

Denn seine Frage erklärt die Heftigkeit Ihrer Reaktion möglicherweise tatsächlich nicht.

Nur: Ihre Reaktion hat auch gar nicht erst mit dieser Frage begonnen.

Sie kommt mit Vorgeschichte.


Seit morgens haben Sie vielleicht organisiert, entschieden, reagiert, freundlich geblieben, Probleme gelöst, einen Konflikt vermieden, Zeitdruck ausgehalten und viermal einen neuen Plan gemacht. Dann landet noch eine Anforderung auf diesem Stapel. Die berühmte Metapher vom letzten Tropfen trifft es hier erstaunlich gut. Wir neigen nur dazu, anschließend ausschließlich diesen Tropfen zu analysieren.


„Warum macht mich ausgerechnet die Frage nach dem Abendessen so aggressiv?" Die sinnvollere Frage wäre häufig: „Wie voll war das Glas eigentlich schon vorher?

Schlaf verändert die Ausgangslage

Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang beim Schlaf. Zu wenig Schlaf bedeutet nicht nur, dass man am nächsten Morgen müde ist.

Eine 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse wertete mehr als 50 Jahre experimenteller Forschung zu Schlafverlust und emotionalem Erleben aus. Sie umfasste 154 Studien mit insgesamt 5.717 Teilnehmenden. Die Ergebnisse zeigen, dass Schlafverlust verschiedene emotionale Prozesse beeinflussen kann; unter anderem nahm positives emotionales Erleben ab, während Angstsymptome zunahmen.


Das bedeutet nicht: Wer schlecht schläft, wird automatisch aggressiv.

Aber es bedeutet sehr wohl, dass Sie nach mehreren schlechten Nächten nicht mit derselben emotionalen Ausgangslage in Ihren Tag starten wie nach erholsamem Schlaf. Das ist für die Frage nach Gereiztheit enorm wichtig.


Viele Menschen erwarten nämlich morgens von sich dieselbe Geduld, Flexibilität und Konzentrationsfähigkeit unabhängig davon, ob sie acht Stunden erholsam geschlafen haben oder seit drei Nächten um vier Uhr morgens über ein berufliches Problem nachdenken.


Der Körper hat diese Information jedoch nicht vergessen.



Stress macht nicht 'unvernünftig' – er verändert Prioritäten

Eine wissenschaftlich sinnvollere Vorstellung lautet deshalb:

Unter hoher Belastung arbeitet der Mensch nicht einfach schlechter. Er arbeitet unter anderen Bedingungen.


Neuere Übersichtsarbeiten zur Funktion des präfrontalen Cortex beschreiben, dass Stress Prozesse beeinträchtigen kann, die unter anderem für Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeitssteuerung sowie die Regulation von Verhalten und Emotionen wichtig sind. Die Mechanismen sind komplexer als ein einfaches „Gehirn aus – Alarmzentrum an“.


Das erklärt auch eine Erfahrung, die viele Menschen irritiert:

In wirklich wichtigen Situationen funktionieren sie noch hervorragend:

  • Die Präsentation gelingt.

  • Das schwierige Gespräch wird professionell geführt.

  • Der Termin wird gerettet.

  • Und eine Stunde später verlieren sie wegen einer Kleinigkeit die Geduld.


Das ist nicht unbedingt widersprüchlich. Menschen können sich über längere Zeit sehr wirksam regulieren. Gerade zuverlässige und verantwortungsbewusste Menschen sind darin häufig ziemlich gut.


Nur ist Regulation nicht kostenlos. Irgendwann merkt man den Preis.



Warum Gereiztheit manchmal früher sichtbar wird als Erschöpfung

Wer erschöpft ist, muss nicht automatisch morgens im Bett liegen bleiben und sagen: „Ich kann nicht mehr.

Viele Belastungsverläufe sehen wesentlich unspektakulärer aus. Sie funktionieren weiterhin. Aber Sie brauchen länger, um nach der Arbeit abzuschalten.

  • Sie schlafen unruhiger.

  • Konzentration kostet mehr.

  • Kleine Planänderungen stören stärker.

  • Sie möchten häufiger Ihre Ruhe haben.

  • Und die Geduld mit Menschen, die früher problemlos vorhanden war, wird auffällig knapp.


Das Bundesgesundheitsportal nennt Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit auch als mögliche Warnzeichen psychischer Belastung im Arbeitskontext – neben Schlafstörungen, nächtlichem Grübeln, anhaltender Erschöpfung und Konzentrationsproblemen.

Gerade deshalb halte ich Gereiztheit für ein interessantes Signal. Nicht als Diagnose, sondern als Beobachtung.


Vielleicht sehen Sie an Ihrer Geduld früher als an Ihrer Leistung, dass Ihr System inzwischen mehr tragen muss, als ihm guttut.



Ein Beispiel aus meiner Arbeit

Nehmen wir einen typischen Fall, wie er in unterschiedlichen Varianten immer wieder vorkommt:


Eine erfahrene Führungskraft merkt, dass sie in Besprechungen zunehmend ungeduldig wird. Früher konnte sie lange Erklärungen relativ gelassen anhören. Inzwischen spürt sie schon beim zweiten Umweg im Gespräch, wie innerlich die Spannung steigt. Ihre erste Erklärung lautet: „Ich werde offenbar im Alter immer unverträglicher.


Schaut man genauer hin, zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Seit Monaten läuft eine Reorganisation. Zuständigkeiten verändern sich. Im Team fehlen Mitarbeiter. Gleichzeitig ist unklar, wie die eigene Rolle künftig aussehen wird. Nach außen wird weiterhin professionell gearbeitet, während im Hintergrund permanent Unsicherheit mitläuft. Die Ungeduld im Meeting ist dann möglicherweise nicht das eigentliche Problem. Sie ist eher der Ort, an dem die Gesamtbelastung sichtbar wird. Das ist ein entscheidender Unterschied.


Denn „Ich muss geduldiger werden“ führt zu einem völlig anderen Lösungsweg als: „Ich muss verstehen, warum meine berufliche Situation seit Monaten so viel innere Kapazität bindet.

Trotzdem gilt: Nicht jede Gereiztheit ist Stress


So plausibel all diese Zusammenhänge sind, sollten wir jetzt nicht in die Gegenrichtung übertreiben. Denn Gereiztheit ist keine Stressdiagnose. Sie gilt in der psychiatrischen Forschung und Diagnostik als sogenanntes 'transdiagnostisches Symptom'. Das bedeutet vereinfacht: Sie kann in unterschiedlichen psychischen Zusammenhängen auftreten und ist nicht eindeutig einer Erkrankung zuzuordnen. Unter anderem gibt es Zusammenhänge mit depressiven und Angsterkrankungen, auch körperliche Faktoren können eine Rolle spielen.


Deshalb sollte eine deutlich veränderte, ungewöhnlich starke oder länger anhaltende Gereiztheit nicht monatelang automatisch mit „Ich habe eben gerade viel Stress“ erklärt werden.


Besonders aufmerksam sollten Sie werden, wenn weitere Veränderungen hinzukommen – beispielsweise starke oder anhaltende Schlafprobleme, ausgeprägte Erschöpfung, deutliche Niedergeschlagenheit, Angst, starke Konzentrationsprobleme oder körperliche Beschwerden.


Das Bundesgesundheitsportal empfiehlt bei lang anhaltenden Stressphasen und entsprechenden Beschwerden ebenfalls, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hausärztliche und psychotherapeutische Ansprechpartner können bei der weiteren Einordnung unterstützen.



Der sinnvollste Perspektivwechsel

Wenn Sie momentan schneller gereizt reagieren als früher, können Sie deshalb einmal versuchen, nicht ausschließlich den letzten Auslöser zu untersuchen. Schauen Sie etwas weiter zurück.


Nicht:

„Warum bringt mich dieser Mensch so auf die Palme?“

Sondern:

„Was musste ich heute bereits alles verarbeiten, bevor dieser Mensch überhaupt auftauchte?“

Nicht:

„Warum kann ich mich nicht besser zusammenreißen?“

Sondern:

„Welche Anforderungen laufen bei mir inzwischen nahezu ohne Unterbrechung?“

Nicht:

„Warum bin ich bloß so empfindlich geworden?“

Sondern:

„Wann habe ich zuletzt erlebt, dass mein Kopf wirklich wieder Platz hatte?“


Das ist keine Einladung, eigenes Verhalten zu entschuldigen. Wenn wir andere Menschen unfair behandeln, bleiben wir dafür verantwortlich. Es ist vielmehr eine Einladung, das Problem an der richtigen Stelle zu suchen. Denn wenn ein System keinen Puffer mehr hat, hilft es langfristig wenig, ihm einfach noch die zusätzliche Aufgabe „Sei gefälligst entspannter“ aufzubürden.



Und jetzt: Was lässt sich konkret verändern?

Damit endet die Einordnung. Denn Verstehen ist wichtig – aber irgendwann muss aus Verstehen wieder Handeln werden. Genau deshalb widmen wir den dritten Teil dieser Reihe nicht einem großen Blumenstrauß aus Atemtechnik, Meditation, Sport, Journaling, Zeitmanagement und zwölf weiteren Dingen, die Sie ab morgen bitteschön auch noch erledigen sollen.


Wir machen es kleiner. Die Frage lautet: "Wo könnten Sie Ihre aktuelle Belastung realistisch um ungefähr zehn Prozent reduzieren?"

Nicht irgendwann. Nicht nach der nächsten Reorganisation. Nicht wenn die Kinder größer sind. Und nicht erst, wenn Sie vier Wochen Urlaub haben. Sondern innerhalb Ihres tatsächlichen Alltags.


Im dritten Teil zeige ich Ihnen deshalb die 10-Prozent-Regel – und vor allem, wie unterschiedlich dieselbe Grundidee bei einer Führungskraft, im Büro, in der Selbstständigkeit, in sozialen Berufen oder im Familienalltag aussehen kann.


Klar-im-Kopf-Reihe: Ständig gereizt

1 | ERKENNEN - "Warum bin ich ständig gereizt?"

Welche Ursachen infrage kommen können und warum es sich lohnt, genauer hinzusehen. https://www.frank-max.com/post/warum-bin-ich-staendig-gereizt]


2 | VERSTEHEN - "Warum Stress gereizt macht"

Was bei dauernder Anspannung in Körper und Gehirn passiert"

Sie sind hier.


3 | VERÄNDERN - "Was tun gegen ständige Gereiztheit?"

Die 10-Prozent-Regel für mehr inneren Puffer. Ein Ansatz – konkret übersetzt in unterschiedliche Lebens- und Arbeitswelten.



Wenn vor allem Ihre berufliche Situation Sie nicht mehr loslässt

Manchmal steckt hinter der Gereiztheit nicht einfach ein voller Kalender.

Vielleicht befinden Sie sich beruflich schon länger in einer Situation, die Kraft bindet: eine Reorganisation, Unsicherheit über Ihre Rolle, Konflikte mit Vorgesetzten, zunehmender Druck oder das Gefühl, eigentlich etwas entscheiden zu müssen, aber noch nicht zu wissen, was.


Dann ist 'mehr Entspannung' möglicherweise nicht die entscheidende Antwort. Dann braucht es zunächst Klarheit darüber, was gerade tatsächlich passiert, was Sie beeinflussen können und welche Entscheidung noch gar nicht getroffen werden muss.


Genau dafür ist das Anker-Gespräch gedacht:

Erst klären. Dann entscheiden.

In einem strukturierten persönlichen Gespräch sortieren wir Ihre aktuelle berufliche Lage und entwickeln einen tragfähigen nächsten Plan, ohne Sie vorschnell zu einer Kündigung, einem Wechsel oder zum weiteren Durchhalten zu drängen. Mehr dazu gibt es hier.



Herzliche Grüße aus Düsseldorf

Frank Max | Coach für einen klaren Kopf

& Heilpraktiker für Psychotherapie

Über den Autor

Frank Max begleitet seit 2006 Führungskräfte, Selbstständige und Menschen, die nach außen gut funktionieren, während es innerlich zunehmend schwieriger wird, ruhig, klar und handlungsfähig zu bleiben. Seit 2010 arbeitet er zudem als Heilpraktiker für Psychotherapie in Düsseldorf mit den Schwerpunkten Angststörungen und Traumafolgen.

In „Klar im Kopf“ übersetzt er psychologische und wissenschaftliche Zusammenhänge in verständliche Alltagssprache. Sein Schwerpunkt liegt nicht darauf, Menschen mit möglichst vielen Methoden zu versorgen, sondern darauf, Zusammenhänge verständlich zu machen und daraus alltagstaugliche nächste Schritte abzuleiten.

Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur

Bundesministerium für Gesundheit / gesund.bund.de: „Stress: Auswirkungen auf Körper und Psyche“, Stand 14. Januar 2026. Das Gesundheitsportal beschreibt die körperliche Stressreaktion, die Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol sowie mögliche Folgen anhaltender Belastung wie Schlaf- und Konzentrationsprobleme, Nervosität und Reizbarkeit.

Bundesministerium für Gesundheit / gesund.bund.de: „Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“. Überblick über mögliche Warnzeichen psychischer Belastung, darunter Schlafstörungen, nächtliches Grübeln, anhaltende Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und Reizbarkeit.

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Informationen zu psychischer Belastung und Arbeitsorganisation. Psychische Belastung gehört grundsätzlich zu jeder Arbeit, kann bei hoher Intensität oder Dauer jedoch gesundheitlich ungünstig wirken. Arbeitsintensität, Arbeitsorganisation und Unterbrechungen gehören zu den relevanten Gestaltungsfeldern.

Shields, G. S., Sazma, M. A. & Yonelinas, A. P. (2016): The effects of acute stress on core executive functions: A meta-analysis and comparison with cortisol. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 68, 651–668. Die Meta-Analyse fand unter akutem Stress Beeinträchtigungen von Arbeitsgedächtnis und kognitiver Flexibilität; die Effekte auf Inhibition waren differenzierter.

Palmer, C. A. et al. (2024): Sleep loss and emotion: A systematic review and meta-analysis of over 50 years of experimental research. Psychological Bulletin, 150(4), 440–463. Die Auswertung von 154 Studien mit 5.717 Teilnehmenden zeigt relevante Auswirkungen unterschiedlicher Formen von Schlafverlust auf emotionales Erleben.

Joyce, M. K. P., Uchendu, S. & Arnsten, A. F. T. (2025): Stress and Inflammation Target Dorsolateral Prefrontal Cortex Function: Neural Mechanisms Underlying Weakened Cognitive Control. Biological Psychiatry, 97(4), 359–371. Übersichtsarbeit zu Stresswirkungen auf präfrontale Funktionen, die unter anderem Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit, Handlungssteuerung und emotionale Regulation unterstützen.

Saatchi, B. et al. (2023): Measuring irritability in young adults: An integrative review of measures and their psychometric properties. Journal of Psychiatric and Mental Health Nursing, 30(1), 35–53. Die Arbeit ordnet Gereiztheit als diagnoseübergreifendes psychiatrisches Symptom ein und unterstreicht damit, dass Gereiztheit allein keine eindeutige Diagnose erlaubt.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und Sensibilisierung. Er ersetzt keine ärztliche, psychologische oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn Gereiztheit stark ausgeprägt ist, länger anhält, deutlich zunimmt oder weitere körperliche beziehungsweise psychische Beschwerden hinzukommen, sollten Sie die Ursachen fachlich abklären lassen.


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