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Burnout-Phase 9: „Ich funktioniere nur noch“ – wenn der Kontakt zu sich selbst verloren geht

Autorenbild: Frank Max
Frank Max
12. Juli 2024
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Sept.

Burnout Phase 9

Vielleicht kommt Ihnen dieser Satz bekannt vor: „Eigentlich funktioniert noch alles. Ich gehe arbeiten, erledige meine Aufgaben, kümmere mich um das, was getan werden muss – aber ich fühle mich dabei immer weniger wie ich selbst.“

Genau dieses Erleben steht im Mittelpunkt der neunten Phase des bekannten Burnout-Modells von Herbert J. Freudenberger und Gail North. Sie bezeichneten diese Phase als „Depersonalisation“ beziehungsweise als Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit. Gemeint ist eine zunehmende Selbstentfremdung:

Der Alltag läuft weiter, Anforderungen werden abgearbeitet, während eigene Gefühle, Bedürfnisse und persönliche Bedeutung immer weiter in den Hintergrund geraten.

Der Begriff braucht heute allerdings eine wichtige Übersetzung, denn 'Depersonalisation' bezeichnet in der Medizin auch ein deutlich spezifischer definiertes psychisches Phänomen. Beides sollte man nicht einfach gleichsetzen.



Das Wichtigste in Kürze

In der neunten Phase des historischen Burnout-Modells rückt ein Erleben in den Vordergrund, das viele Menschen erstaunlich treffend mit „Ich funktioniere eigentlich nur noch“ beschreiben. Äußere Aufgaben können weiterhin erledigt werden, während der Kontakt zu eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und persönlichen Interessen zunehmend verloren geht.

Gerade darin liegt die Tücke: Funktionieren sieht von außen oft besser aus, als es sich von innen anfühlt.


Die Bezeichnung 'Depersonalisation' darf dabei nicht vorschnell klinisch verstanden werden. Das medizinisch beschriebene Depersonalisations- und Derealisationssyndrom umfasst spezifischere Erfahrungen wie ein ausgeprägtes Gefühl von Unwirklichkeit, Fremdheit oder Losgelöstsein vom eigenen Körper, Denken oder der Umgebung.

Das 12-Phasen-Modell bleibt deshalb auch hier ein Orientierungsmodell und kein Diagnoseverfahren.



Was Freudenberger und North mit 'Depersonalisation' beschrieben

Herbert J. Freudenberger gehörte in den 1970er-Jahren zu den frühen wissenschaftlichen Beschreibern des Burnout-Phänomens. In seinem Aufsatz „Staff Burn-Out“ von 1974 beschrieb er körperliche und verhaltensbezogene Zeichen ebenso wie Veränderungen im Denken und emotionalen Erleben stark engagierter Menschen. Später arbeitete er gemeinsam mit Gail North das bekannte Verlaufsmodell weiter aus; ihr gemeinsames Buch „Women’s Burnout“ erschien 1985.


In dieser Modelllogik ist Stufe 9 deutlich mehr als normale Müdigkeit. Schon in den vorhergehenden Phasen haben sich Prioritäten verschoben, Kontakte wurden reduziert und das Verhalten kann sich merklich verändert haben. Nun verlagert sich das Geschehen stärker nach innen: Der Mensch funktioniert zwar weiter, erlebt sich selbst aber immer weniger als aktiven Gestalter seines Lebens. Das klingt zunächst abstrakt. Im wirklichen Leben ist es erstaunlich konkret.



Das Maschinengefühl: Wenn der Alltag weiterläuft, aber man selbst kaum noch vorkommt

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der morgens aufsteht, zur Arbeit fährt, Besprechungen absolviert, Entscheidungen trifft, Nachrichten beantwortet und am Abend sogar noch den Einkauf erledigt. Von außen betrachtet läuft der Betrieb.

Fragt man diesen Menschen jedoch, worauf er sich gerade freut, was ihm guttut, was er vermisst oder was er eigentlich möchte, wird die Antwort plötzlich schwieriger.


Nicht weil er grundsätzlich keine Wünsche mehr hätte, sondern weil Wünsche und Bedürfnisse im täglichen Entscheidungsprozess kaum noch vorkommen. Entscheidend ist, was erledigt werden muss, wann die nächste Besprechung beginnt, welche Aufgabe noch offen ist und wer eine Antwort erwartet.


Der Kalender weiß irgendwann ziemlich genau, was als Nächstes passieren soll. Der Mensch selbst deutlich weniger. Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu gewöhnlicher Erschöpfung. Nach einer anstrengenden Woche können Sie müde sein und trotzdem ziemlich klar wissen: „Ich brauche Schlaf, Ruhe, einen Spaziergang und am Wochenende möchte ich meine Freunde sehen.“

Bei ausgeprägtem mechanischem Funktionieren lautet die innere Antwort eher: „Keine Ahnung. Ich mache jetzt erst einmal weiter.“



Warum 'nur noch funktionieren' so schwer zu erkennen ist

Viele leistungsfähige Menschen benutzen ihr eigenes Funktionieren unbewusst als Gesundheitsnachweis. Solange sie morgens aufstehen, ihre Arbeit erledigen, Rechnungen bezahlen, Kinder abholen, Termine einhalten oder anderen Menschen zuverlässig zur Verfügung stehen, erscheint die Schlussfolgerung logisch: So schlimm kann es offenbar nicht sein.

Nur misst Funktionieren etwas anderes.


Es zeigt zunächst einmal, dass ein Mensch Anforderungen bewältigt. Es sagt erstaunlich wenig darüber aus, wie viel Kraft diese Bewältigung inzwischen kostet, ob Erholung noch ankommt oder wie viel Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen dabei übrig bleibt.


Deshalb kann ein Zustand lange unter dem Radar bleiben, bei dem die äußere Funktionsfähigkeit deutlich besser aussieht als das innere Befinden. Genau das macht Sätze wie „Ich erkenne mich selbst kaum wieder“ oder „Ich funktioniere eigentlich nur noch“ interessant. Sie sind keine Diagnose, aber sie enthalten eine Information, die man nicht unbedingt mit einem freien Wochenende beantworten sollte.


In der vorhergehenden Phase mit den deutlichen Verhaltensänderungen fällt die Veränderung häufig zunächst dem Umfeld auf. In Stufe 9 richtet sich der Blick im historischen Modell stärker auf die Frage, wie weit ein Mensch sich inzwischen von seinem eigenen Erleben entfernt hat.



Klinische Depersonalisation ist etwas Spezifischeres

An dieser Stelle müssen wir mit dem Wort 'Depersonalisation' sorgfältiger sein als viele ältere Burnout-Darstellungen.

In der aktuell für Deutschland maßgeblichen ICD-10-GM führt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte unter F48.1 das Depersonalisations- und Derealisationssyndrom.


Dabei geht es um Erfahrungen, bei denen die eigene geistige Aktivität, der Körper oder die Umgebung verändert, unwirklich, weit entfernt oder automatisiert erlebt werden können. Menschen beschreiben beispielsweise, dass sich der eigene Körper fremd anfühlt, das eigene Denken irgendwie nicht zu ihnen gehört oder die Umwelt wie hinter einer Scheibe wirkt.

Das ist etwas Spezifischeres als der alltagssprachliche Satz: „Ich fühle mich im Moment gar nicht mehr wie ich selbst.“



Ein Wort – unterschiedliche Bedeutungen

Verwirrend wird die Sache zusätzlich dadurch, dass der Begriff 'Depersonalisation' auch innerhalb der Burnout-Forschung nicht immer dasselbe bezeichnet.

Im Modell von Freudenberger und North beschreibt die neunte Phase vor allem den Verlust des Kontakts zur eigenen Persönlichkeit und zu eigenen Bedürfnissen.


Im bekannten Burnout-Konzept von Christina Maslach bezeichnet 'Depersonalisation' stärker eine zunehmende emotionale Distanz beziehungsweise zynische Haltung gegenüber der Arbeit und den Menschen im beruflichen Umfeld. In späteren Darstellungen wird dafür häufig auch der Begriff Zynismus beziehungsweise mentale Distanz verwendet.


Und daneben steht die klinische Depersonalisation mit ihrem wesentlich spezifischeren Erleben von Fremdheit, Unwirklichkeit und Losgelöstsein.

Dasselbe Wort beschreibt also nicht automatisch denselben Zustand.

Genau deshalb lässt sich aus einem Satz wie „Ich funktioniere nur noch wie eine Maschine“ keine klinische Depersonalisation diagnostizieren.




Wenn eigene Bedürfnisse kaum noch Einfluss auf Entscheidungen haben

Für mich liegt der psychologisch interessanteste Punkt dieser Burnout-Phase ohnehin etwas früher.

Eigene Bedürfnisse verschwinden nämlich nicht plötzlich. Hunger bleibt Hunger, Müdigkeit bleibt Müdigkeit, Überforderung bleibt Überforderung und das Bedürfnis nach Rückzug, Kontakt, Ruhe oder Bewegung löst sich nicht dadurch auf, dass der Terminkalender voll ist.


Was sich verändern kann, ist die Bedeutung, die wir diesen Signalen geben.

Wer lange unter hoher Belastung funktioniert, kann sich daran gewöhnen, Müdigkeit mit Kaffee zu beantworten, Pausen nach hinten zu verschieben und körperliche oder emotionale Signale zunächst danach zu beurteilen, ob sie gerade in den Ablauf passen.


Irgendwann lautet die Frage dann nicht mehr: „Was brauche ich gerade?“

Sie lautet: „Was muss noch erledigt werden?“

Das klingt nach einer kleinen sprachlichen Verschiebung. Im Alltag ist sie erheblich, denn Bedürfnisse dienen normalerweise auch dazu, unser Verhalten zu steuern. Wenn sie zwar vorhanden sind, aber kaum noch eine Stimme bei Entscheidungen bekommen, wird Selbstfürsorge irgendwann zu etwas, das theoretisch sinnvoll klingt und praktisch ständig vertagt wird.


Auch die heutige internationale Burnout-Einordnung der Weltgesundheitsorganisation macht deutlich, dass es bei Burnout nicht nur um Müdigkeit geht. Die WHO beschreibt neben Erschöpfung auch eine zunehmende mentale Distanz zur Arbeit beziehungsweise Zynismus sowie eine verringerte berufliche Wirksamkeit. Für die Kodierung in Deutschland ist derzeit allerdings weiterhin die ICD-10-GM maßgeblich, in der Burnout unter Z73 geführt wird.


Der Satz „Ich funktioniere nur noch“ ist deshalb keine medizinische Diagnose. Er kann aber ein ziemlich guter Anlass sein, nicht länger ausschließlich auf die Frage zu schauen, ob man seinen Alltag noch irgendwie schafft.



Wann solche Erfahrungen fachlich abgeklärt werden sollten

Besonders aufmerksam würde ich werden, wenn das Gefühl der Entfremdung über längere Zeit anhält oder stärker wird, wenn Sie sich selbst oder Ihre Umgebung wiederholt als unwirklich oder fremd erleben, wenn Ihr Alltag deutlich schwerer zu bewältigen ist oder wenn starke Erschöpfung, Ängste, depressive Beschwerden, Schlafprobleme oder körperliche Beschwerden hinzukommen.


Dann geht es nicht mehr darum, die vermeintlich richtige Burnout-Stufe herauszufinden, sondern darum, vernünftig zu klären, was tatsächlich hinter dem Erleben steckt.


Wichtiger Hinweis: Beschwerden wie Erschöpfung, Selbstentfremdung oder das Gefühl, nur noch zu funktionieren, können auch andere körperliche oder psychische Ursachen haben. Das 12-Phasen-Modell nach Freudenberger und North ist kein Diagnoseinstrument. Bei anhaltenden, zunehmenden oder schweren Beschwerden sollten Sie die Situation durch einen Arzt, Psychotherapeuten oder Heilpraktiker für Psychotherapie fachlich abklären lassen. Dieser Artikel dient der Information und Sensibilisierung und ersetzt keine individuelle medizinische, psychologische oder psychotherapeutische Beratung.



Häufige Fragen zu Burnout-Stufe 9


Ist Burnout-Stufe 9 dasselbe wie eine Depersonalisationsstörung?

Nein. Freudenberger und North verwendeten den Begriff 'Depersonalisation' innerhalb ihres Burnout-Modells für ein zunehmendes Gefühl der Selbstentfremdung und des mechanischen Funktionierens. Das klinische Depersonalisations- und Derealisationssyndrom ist in der ICD-10-GM wesentlich spezifischer beschrieben.


Wie fühlt sich Burnout-Stufe 9 an?

Im historischen Modell steht das Gefühl im Vordergrund, nicht mehr richtig bei sich selbst zu sein und den Alltag zunehmend mechanisch zu bewältigen. Eigene Bedürfnisse, Interessen und Gefühle beeinflussen Entscheidungen immer weniger, während Anforderungen weiterhin abgearbeitet werden.


Kann man in dieser Phase noch arbeiten?

Ja, das ist möglich. Gerade deshalb kann ausgeprägte Belastung lange übersehen werden. Dass jemand arbeitet und seinen Alltag organisiert, sagt allein wenig darüber aus, wie erschöpft oder innerlich distanziert er sich inzwischen fühlt.


Bedeutet „Ich funktioniere nur noch“, dass ich Burnout habe?

Nein. Der Satz beschreibt ein subjektives Erleben und kann unterschiedliche Hintergründe haben. Er ist weder ein Burnout-Test noch ein diagnostisches Kriterium. Wenn dieses Gefühl jedoch über längere Zeit anhält oder mit weiteren Beschwerden verbunden ist, lohnt sich eine fachliche Abklärung.


Was folgt im 12-Phasen-Modell auf Stufe 9?

Freudenberger und North beschreiben anschließend die Phase der inneren Leere. Auch diese Reihenfolge ist als historische Modelllogik zu verstehen und nicht als medizinisch zwingender Verlauf.



Wenn Sie jetzt etwas verändern möchten

Vielleicht erkennen Sie sich nicht in allem wieder, haben aber beim Lesen an mehreren Stellen gedacht: „So weit weg ist das von mir inzwischen gar nicht mehr.“

Dann würde ich daraus keine dramatische Schlussfolgerung ziehen. Ich würde den Gedanken allerdings auch nicht wieder zwischen E-Mails, Terminen und dem nächsten Montag verschwinden lassen.


Einen ersten Überblick über mögliche Entlastungswege, weiterführende Informationen und praktische Hilfen finden Sie in meinen Anti-Stress-Ressourcen.


Wenn Sie Ihre eigene Situation lieber einmal gemeinsam sortieren möchten, können wir in der Stress-Sprechstunde anschauen, was Sie im Moment tatsächlich belastet, welche Warnsignale sinnvoll einzuordnen sind und wo ein realistischer nächster Schritt liegen könnte.


Stress-Sprechstunde






Herzliche Grüße aus Düsseldorf

Frank Max | Coach & Heilpraktiker für Psychotherapie


Über den Autor

Frank Max ist Coach und Heilpraktiker für Psychotherapie in Düsseldorf. Er begleitet Menschen, die nach außen häufig noch erstaunlich gut funktionieren, innerlich jedoch zunehmend unter Stress, Sorgen, Erschöpfung, Angst oder anhaltender Anspannung leiden. In „Klar im Kopf“ verbindet er psychologische Zusammenhänge mit einer verständlichen, alltagstauglichen Perspektive auf die Frage, was Menschen tatsächlich hilft, wieder klarer wahrzunehmen und sinnvoll zu handeln.


Quellen

Freudenberger, Herbert J. (1974): Staff Burn-Out. Journal of Social Issues, 30(1), 159–165.

Freudenberger, Herbert J. & Gail North (1985): Women’s Burnout: How to Spot It, How to Reverse It, and How to Prevent It. Doubleday, New York.

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: ICD-10-GM 2026 – F48.1 Depersonalisations- und Derealisationssyndrom.

World Health Organization: Burn-out an occupational phenomenon.

Maslach, Christina; Wilmar B. Schaufeli & Michael P. Leiter (2001): Job burnout. Annual Review of Psychology, 52, 397–422.


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