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Burnout-Phase 10: Innere Leere – wenn selbst Erholung nicht mehr richtig ankommt

Autorenbild: Frank Max
Frank Max
12. Juli 2024
8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Sept.

Burnout Phase 10: Innere Leere

Müde sein ist unangenehm, aber meistens noch ziemlich verständlich. Man spürt, dass die Kraft nachlässt, möchte schlafen, sich zurückziehen oder einfach einmal seine Ruhe haben. Innere Leere fühlt sich anders an.

Menschen beschreiben dann manchmal, dass sie durchaus wissen, was ihnen früher Freude gemacht hat, aber innerlich kaum noch einen Zugang dazu finden. Das Wochenende kommt, der Terminkalender wird ruhiger, vielleicht wäre sogar Zeit für etwas Schönes – und trotzdem stellt sich dieses ersehnte Gefühl von Erleichterung, Interesse oder Vorfreude nicht richtig ein.

Genau dieses Erleben steht im Mittelpunkt der zehnten Phase des 12-Phasen-Modells von Herbert J. Freudenberger und Gail North. Sie beschrieben hier eine ausgeprägte innere Leere, Mutlosigkeit und das Bedürfnis, diesen Zustand irgendwie zu überdecken oder kurzfristig zu verändern.

Das ist ernst zu nehmen. Es bedeutet allerdings nicht automatisch, dass ein Mensch depressiv ist, und auch Angst- oder Panikattacken sollten nicht einfach mit dem Etikett „Das gehört eben zu Burnout-Stufe 10“ versehen werden.

Das Wichtigste in Kürze

In Phase 10 des historischen Burnout-Modells steht nicht mehr nur körperliche oder mentale Müdigkeit im Vordergrund, sondern ein zunehmend leeres, freudloses oder innerlich abgestumpftes Erleben. Menschen können versuchen, dieses Gefühl durch starke Reize oder kurzfristige Befriedigungen zu verändern. Angst und Panik werden in der historischen Phasenbeschreibung ebenfalls genannt, sind medizinisch jedoch eigenständig zu beurteilen. Und besonders wichtig: Innere Leere kann bei einer Depression vorkommen, reicht allein aber nicht aus, um daraus eine Depression abzuleiten.



Was die zehnte Phase im historischen Burnout-Modell beschreibt

Wenn Sie die vorhergehenden Phasen dieses Modells verfolgt haben, lässt sich die innere Logik gut nachvollziehen.

Anfangs stand viel Einsatz. Dann wurden Bedürfnisse zunehmend zurückgestellt, Warnzeichen erklärt oder verdrängt, Prioritäten verschoben, Kontakte reduziert und irgendwann entstand das Gefühl, eigentlich nur noch zu funktionieren.

In Phase 9 – dem zunehmenden Verlust des Kontakts zu sich selbst – läuft der Alltag gewissermaßen weiter, obwohl der Mensch selbst darin immer weniger vorkommt.

Phase 10 führt diesen Gedanken einen Schritt weiter. Im historischen Modell wird aus dem mechanischen Funktionieren zunehmend das Erleben, dass innen kaum noch etwas zurückkommt.


Man erledigt etwas – ohne wirkliche Befriedigung.

Man hat frei – ohne sich wirklich frei zu fühlen.

Man trifft Menschen – ohne sich richtig verbunden zu fühlen.

Man tut etwas, das früher Freude gemacht hat – und wartet innerlich beinahe darauf, dass das entsprechende Gefühl endlich auftaucht.


Dabei geht es nicht darum, dass ein Mensch buchstäblich „gar nichts mehr fühlt“. Gerade in dieser Phase können Gefühle sogar sehr schmerzhaft und intensiv sein. Das zentrale Erleben ist vielmehr, dass positive Beteiligung, Interesse, Freude und Sinn immer schwerer erreichbar erscheinen.



Innere Leere ist mehr als einfach nur müde zu sein

Nach einer anstrengenden Woche können Sie völlig erledigt sein und trotzdem wissen, worauf Sie sich freuen.

Vielleicht möchten Sie ausschlafen, jemanden treffen, im Garten arbeiten, essen gehen, Fußball schauen, ein Buch lesen oder einfach einen Nachmittag lang niemandem irgendetwas erklären müssen.

Die Energie fehlt, aber der innere Kompass funktioniert noch.


Bei ausgeprägter innerer Leere verändert sich etwas anderes: Die Frage „Was würde mir jetzt guttun?“ lässt sich immer schwerer beantworten, weil selbst Dinge, die normalerweise angenehm oder bedeutsam wären, kaum noch Resonanz erzeugen.

Das erklärt auch, warum der gut gemeinte Rat „Dann machen Sie doch einmal etwas Schönes“ irgendwann ziemlich hilflos wirken kann.

Der betreffende Mensch hat das Konzept verstanden.


Das Problem ist nicht mangelndes Wissen über schöne Dinge. Das Problem ist, dass das Schöne innerlich kaum noch dort ankommt, wo es früher angekommen ist. Genau deshalb ist innere Leere ein wichtigeres Signal als die bloße Feststellung: „Ich bin im Moment ziemlich müde.“



Wenn Freude, Interesse und Erholung immer schwerer erreichbar werden

Erschöpfung und Erholung funktionieren normalerweise in einem gewissen Wechselspiel. Nach Belastung folgt eine ruhigere Phase, der Organismus fährt herunter, Interesse kehrt zurück und irgendwann entsteht wieder Lust auf Aktivität. Bei länger anhaltender starker Belastung kann dieser Übergang immer schlechter gelingen.


Dann sitzt ein Mensch vielleicht endlich auf dem Sofa – aber sein Kopf arbeitet weiter. Er fährt in den Urlaub – aber innerlich reist die Verantwortung mit. Er schläft – fühlt sich morgens jedoch kaum erholter. Er trifft Freunde – und merkt, dass selbst angenehme Gespräche Kraft kosten.

Das bedeutet nicht, dass jede ausbleibende Urlaubsfreude eine fortgeschrittene Burnout-Phase wäre. Interessant wird das Muster dann, wenn Erholung über längere Zeit kaum noch den erwarteten Unterschied macht und sich zugleich immer mehr Lebensbereiche leer, bedeutungslos oder anstrengend anfühlen.


Genau hier lohnt sich der Wechsel von der Frage „Wie halte ich noch besser durch?“ zu einer wesentlich sinnvolleren Frage: „Warum regeneriere ich eigentlich nicht mehr richtig?“



Warum Menschen versuchen, die Leere irgendwie zu füllen

Freudenberger und North beschrieben in dieser Phase auch sogenannte Ersatzbefriedigungen. Das Wort klingt etwas altmodisch, der Mechanismus dahinter ist erstaunlich aktuell.

Wenn der Alltag wenig positive Resonanz erzeugt, liegt es nahe, nach etwas zu greifen, das wenigstens kurzfristig eine deutliche Veränderung erzeugt. Essen kann beruhigen oder belohnen. Kaufen kann für einen Moment Vorfreude schaffen. Alkohol kann Anspannung dämpfen. Exzessives Scrollen kann Gedanken unterbrechen. Sexualität, Gaming oder andere intensive Reize können kurzfristig etwas spürbar machen, wo vorher vor allem Leere war.


Das ist zunächst kein moralisches Problem und auch nicht automatisch eine Suchterkrankung. Interessant wird die Frage nach der Funktion:

Mache ich etwas, weil es mir wirklich Freude bereitet – oder brauche ich inzwischen immer stärkere Reize, um für kurze Zeit überhaupt noch etwas anderes zu spüren?

Dieser Unterschied ist wesentlich hilfreicher als die alte Ratgeberlogik, aus jedem Schokoladenkauf gleich ein Burnout-Warnzeichen zu basteln.



Angst und Panik: Gehören sie wirklich zu Burnout?

Im historischen 12-Phasen-Modell werden für Phase 10 auch phobische Ängste und Panikreaktionen beschrieben. Viele moderne Burnout-Seiten übernehmen diese Zuordnung bis heute praktisch unverändert. Heute würde ich damit wesentlich vorsichtiger umgehen.


Es gibt einen gut belegten Zusammenhang zwischen ausgeprägter Burnout-Symptomatik und Angstsymptomen. Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse fand deutliche statistische Zusammenhänge zwischen Burnout und Angst sowie zwischen Burnout und Depression.


Ein Zusammenhang bedeutet aber nicht, dass Angststörungen oder Panikattacken einfach Symptome einer bestimmten Burnout-Stufe wären.

Die aktuell in Deutschland maßgebliche ICD-10-GM beschreibt eine Panikstörung eigenständig. Charakteristisch sind wiederkehrende schwere Angstattacken, die nicht auf eine bestimmte Situation beschränkt und deshalb häufig nicht vorhersehbar sind. Typisch können plötzliches Herzklopfen, Brustbeschwerden, Erstickungsgefühle, Schwindel, starke Angst vor Kontrollverlust oder Todesangst sein.


Wenn solche Attacken auftreten, ist „Das ist halt mein Burnout“ deshalb keine besonders gute Erklärung.

Dann sollte die Angst beziehungsweise Panik als eigenes Problem ernst genommen und fachlich eingeordnet werden.


INTERNER LINK HIER: Die Worte „ständig in Alarmbereitschaft“ im folgenden Satz verlinken:

Wer sich weniger durch einzelne Panikattacken, sondern über längere Zeit ständig in Alarmbereitschaft fühlt, findet dazu in meinem Beitrag über dauerhafte innere Wachsamkeit eine ausführlichere Erklärung.



Innere Leere ist nicht automatisch Depression

Diese Unterscheidung wird für unsere nächsten beiden Burnout-Phasen besonders wichtig. Innere Leere, Freudlosigkeit, Erschöpfung, Rückzug und das Gefühl von Sinnlosigkeit können auch bei einer Depression auftreten. Trotzdem lässt sich aus einem einzelnen Erleben keine depressive Episode diagnostizieren.


Die aktuelle ICD-10-GM beschreibt depressive Episoden anhand eines breiteren Gesamtbildes. Im Mittelpunkt stehen unter anderem eine gedrückte Stimmung, verminderter Antrieb und Aktivität sowie eine eingeschränkte Fähigkeit zu Freude und Interesse. Hinzukommen können Konzentrationsprobleme, ausgeprägte Müdigkeit, Schlaf- und Appetitveränderungen, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuld- oder Wertlosigkeitsgefühle und weitere Beschwerden.


Auch die Nationale Versorgungs-Leitlinie zur unipolaren Depression macht deutlich, dass Burnout und Depression voneinander abgegrenzt werden müssen. Längerfristige Überlastung kann mit psychischen Erkrankungen zusammenhängen, gleichzeitig kann eine vermeintliche Burnout-Symptomatik Ausdruck einer bereits bestehenden Depression sein.



Warum die Unterscheidung wichtig ist

Weil die Konsequenz eine andere ist. Wenn ein Mensch stark erschöpft ist, aber noch deutlich auf Entlastung reagiert, wieder Interesse entwickelt und sich sein Befinden mit veränderten Belastungen spürbar bessert, sieht die Situation anders aus als bei einem umfassenden depressiven Beschwerdebild, das sich über verschiedene Lebensbereiche erstreckt.


Diese Unterscheidung sollte allerdings nicht über einen Internet-Selbsttest oder eine Burnout-Stufennummer getroffen werden.

Genau darum geht es in der folgenden Phase 11: Depression und Erschöpfung noch ausführlicher.



Wann aus Selbstbeobachtung fachliche Abklärung werden sollte

Spätestens wenn die innere Leere über längere Zeit anhält, Freude und Interesse deutlich abnehmen, der Alltag zunehmend schwerfällt oder starke Ängste, Panikattacken, Hoffnungslosigkeit, Schlafprobleme beziehungsweise ausgeprägte körperliche Erschöpfung hinzukommen, würde ich nicht mehr ausschließlich versuchen, mit noch etwas mehr Selbstdisziplin, Urlaub oder Stressmanagement dagegenzuarbeiten.

Dann ist eine fachliche Einordnung sinnvoll.


Nicht deshalb, weil man anhand solcher Beschwerden bereits weiß, welche Diagnose dahintersteht, sondern gerade weil man es nicht weiß.

Beschwerden wie innere Leere, starke Erschöpfung, Freudlosigkeit, Angst oder Panik können unterschiedliche körperliche oder psychische Ursachen haben. Das 12-Phasen-Modell nach Freudenberger und North ist kein Diagnoseinstrument. Bei anhaltenden, zunehmenden oder schweren Beschwerden sollten Sie die Situation durch einen Arzt, Psychotherapeuten oder Heilpraktiker für Psychotherapie fachlich abklären lassen.

Dieser Artikel dient der Information und Sensibilisierung und ersetzt keine individuelle medizinische, psychologische oder psychotherapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung.



Häufige Fragen zu Burnout-Stufe 10


Was bedeutet innere Leere bei Burnout?

Im historischen Modell von Freudenberger und North beschreibt Phase 10 ein Erleben, bei dem Freude, Interesse, Sinn und positive innere Beteiligung zunehmend schwer erreichbar erscheinen. Häufig wird gleichzeitig eine starke Erschöpfung beschrieben.


Ist innere Leere automatisch eine Depression?

Nein. Innere Leere kann bei einer Depression vorkommen, reicht allein aber nicht für diese Diagnose aus. Eine depressive Episode wird anhand eines umfassenderen Beschwerdebildes beurteilt.


Sind Panikattacken ein Burnout-Symptom?

Panik und starke Angst werden im historischen 12-Phasen-Modell zwar in der zehnten Phase genannt. Medizinisch werden Panikattacken und Angststörungen jedoch eigenständig eingeordnet. Wiederkehrende oder ausgeprägte Panikattacken sollten deshalb nicht einfach mit Burnout erklärt werden.


Warum fühle ich mich trotz Ruhe innerlich leer?

Ruhezeit und tatsächliche Erholung sind nicht dasselbe. Nach längerer starker Belastung kann es vorkommen, dass ein Mensch zwar weniger tut, innerlich jedoch weiterhin angespannt, erschöpft oder kaum an positiven Dingen beteiligt ist. Hält dieses Erleben an, sollte genauer geklärt werden, was dahintersteckt.


Was kommt nach Burnout-Stufe 10?

Im Modell von Freudenberger und North folgt Phase 11, die als „Depression“ beschrieben wurde. Aus heutiger medizinischer Sicht ist jedoch wichtig: Eine depressive Erkrankung ist keine zwangsläufige nächste Burnout-Stufe. Genau diese Grenze wird im Beitrag zu Phase 11: Depression und Erschöpfung ausführlich erklärt.



Wenn Sie jetzt etwas verändern möchten

Vielleicht beschreibt „innere Leere“ Ihr Erleben gar nicht exakt. Vielleicht ist es eher ein Gemisch aus Erschöpfung, fehlender Freude, innerer Unruhe und dem Gefühl, dass selbst freie Zeit nicht mehr richtig erholt.

Dann würde ich nicht versuchen, möglichst genau herauszufinden, ob Sie nun „auf Stufe 9, 10 oder vielleicht schon 11“ stehen.

Die wesentlich hilfreichere Frage lautet:

"Was hält mich im Moment davon ab, wieder wirklich zu regenerieren – und was braucht jetzt Aufmerksamkeit?"

Einen Überblick über praktische Entlastungsmöglichkeiten und weiterführende Inhalte finden Sie in meinen Anti-Stress-Ressourcen.


Wenn Sie Ihre Situation lieber einmal gemeinsam und ohne Selbstdiagnose sortieren möchten, können wir in der Stress-Sprechstunde anschauen, was Sie im Moment belastet, was Sie bereits versucht haben und welcher nächste Schritt tatsächlich sinnvoll sein könnte.


Stress-Sprechstunde






Herzliche Grüße aus Düsseldorf

Frank Max | Coach & Heilpraktiker für Psychotherapie


Über den Autor

Frank Max ist Coach und Heilpraktiker für Psychotherapie in Düsseldorf. Er begleitet Menschen, die nach außen häufig noch erstaunlich gut funktionieren, innerlich jedoch zunehmend unter Stress, Sorgen, Erschöpfung, Angst oder anhaltender Anspannung leiden. In „Klar im Kopf“ verbindet er psychologische Zusammenhänge mit einer verständlichen, alltagstauglichen Perspektive auf die Frage, was Menschen tatsächlich hilft, wieder klarer wahrzunehmen und sinnvoll zu handeln.


Quellen

Freudenberger, Herbert J. (1974): Staff Burn-Out. Journal of Social Issues, 30(1), 159–165.

Freudenberger, Herbert J. & Gail North (1985): Women’s Burnout: How to Spot It, How to Reverse It, and How to Prevent It. Doubleday, New York.

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: ICD-10-GM 2026 – F30–F39 Affektive Störungen / depressive Episode.

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: ICD-10-GM 2026 – F40–F48 Angst-, Belastungs- und somatoforme Störungen.

Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung und AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression – Version 3.2. Die Leitlinie grenzt Burnout ausdrücklich von depressiven Erkrankungen ab.

Koutsimani, P.; Montgomery, A.; Georganta, K. (2019): The Relationship Between Burnout, Depression, and Anxiety: A Systematic Review and Meta-Analysis. Frontiers in Psychology. Die Meta-Analyse fand deutliche Zusammenhänge, ohne Burnout, Depression und Angst gleichzusetzen.

World Health Organization: Burn-out an occupational phenomenon. Die WHO ordnet Burnout in der ICD-11 als arbeitsbezogenes Phänomen und nicht als eigenständige Erkrankung ein.


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