Der Dunning-Kruger-Effekt: Wenn wenig Wissen erstaunlich viel Sicherheit erzeugt
Aktualisiert: 31. Aug.

Sie kennen möglicherweise diese Sorte Diskussion: Ihr Gegenüber erklärt Ihnen mit bewundernswerter Entschlossenheit ein Thema, bei dem Ihnen nach drei Sätzen auffällt, dass wichtige Grundlagen fehlen. Ein vorsichtiger Einwand führt keineswegs zu Unsicherheit, sondern zu einer noch ausführlicheren Erklärung.
Das kann anstrengend sein. Gelegentlich auch ausgesprochen unterhaltsam.
Und schnell fällt dann der Begriff Dunning-Kruger-Effekt: Wer wenig weiß, hält sich für besonders kompetent und ist gleichzeitig zu inkompetent, um die eigene Inkompetenz zu erkennen.
So ungefähr lautet jedenfalls die populäre Version.
Die wissenschaftliche Wirklichkeit ist interessanter – und deutlich weniger geeignet, um damit elegant den Schwager, Kollegen oder Kommentator im Internet zu diagnostizieren.
Das Wichtigste in Kürze
1. Der Dunning-Kruger-Effekt betrifft nicht einfach „dumme Menschen“. Die ursprüngliche Idee ist bereichsspezifisch: Uns kann in einem bestimmten Gebiet genau das Wissen fehlen, das nötig wäre, um die eigenen Fehler zuverlässig zu erkennen.
2. Die berühmte Internetversion ist stark überzeichnet. Die bekannten Kurven mit „Mount Stupid“ und „Valley of Despair“ stammen nicht aus der ursprünglichen Untersuchung.
3. Der Effekt wird wissenschaftlich durchaus kontrovers diskutiert. Neuere Arbeiten zeigen, dass ein Teil des klassischen Musters durch statistische Effekte erklärt werden könnte. Andere Untersuchungen finden weiterhin einen kleinen Dunning-Kruger-Effekt.
4. Selbstüberschätzung ist trotzdem real.Menschen können ihre eigene Leistung nur begrenzt einschätzen – und diese Schwierigkeit betrifft keineswegs ausschließlich schlechte Performer.
5. Die nützlichste Frage lautet deshalb nicht: „Wer hier hat Dunning-Kruger?“ Spannender ist: „Wo könnte mir selbst gerade Wissen fehlen, um meine eigene Einschätzung überprüfen zu können?“
Der Dunning-Kruger-Effekt eignet sich besser als Spiegel denn als Etikett für andere Menschen.
Was ist der Dunning-Kruger-Effekt?
1999 veröffentlichten die Psychologen Justin Kruger und David Dunning eine Untersuchung mit dem inzwischen berühmten Titel Unskilled and Unaware of It.
Die Versuchspersonen bearbeiteten unter anderem Aufgaben zu Logik, Grammatik und Humor und sollten anschließend ihre eigene Leistung einschätzen.
Dabei zeigte sich ein auffälliges Muster: Teilnehmer mit besonders schwachen Ergebnissen überschätzten ihre Leistung deutlich. Gute Teilnehmer unterschätzten sich teilweise.
Dunning und Kruger vermuteten dahinter ein metakognitives Problem: Um einen Fehler als Fehler zu erkennen, brauchen wir häufig einen Teil derselben Kompetenz, die wir auch benötigen, um ihn überhaupt zu vermeiden.
Das ist der eigentlich spannende Gedanke.
Wenn ich beispielsweise kaum Italienisch spreche, kann ich meinen eigenen italienischen Satz möglicherweise für ausgesprochen gelungen halten. Mir fehlt schließlich nicht nur die korrekte Grammatik – mir fehlt womöglich gleichzeitig das Wissen, anhand dessen ich erkennen könnte, wie kreativ ich sie gerade neu erfunden habe.
David Dunning betont heute selbst, dass der Effekt populär häufig falsch als „dumme Menschen wissen nicht, dass sie dumm sind“ verstanden wird. Gemeint seien vielmehr unsere jeweiligen „pockets of incompetence“: Bereiche, in denen auch intelligente und erfahrene Menschen nicht genug wissen, um ihre Wissenslücken vollständig zu erkennen.
Das macht die Sache leider etwas unbequemer.
Denn damit betrifft sie nicht nur Horst.
Sondern auch Sie und mich.
Was hat eine Zitrone mit dem Dunning-Kruger-Effekt zu tun?
Zum Dunning-Kruger-Effekt gehört eine Geschichte, die so schön ist, dass man sie für erfunden halten könnte.
1995 überfiel McArthur Wheeler zwei Banken in Pittsburgh. Dabei verzichtete er auf eine Maske, obwohl Überwachungskameras liefen.
Wheeler hatte sich stattdessen Zitronensaft ins Gesicht geschmiert.
Seine Überlegung: Zitronensaft kann als unsichtbare Tinte verwendet werden. Also müsste er damit auch für Kameras unsichtbar werden.
Die Kameras waren anderer Meinung.
Nachdem sein Bild im Fernsehen gezeigt worden war, wurde Wheeler noch am selben Tag identifiziert. Bei seiner Festnahme soll er völlig verblüfft reagiert haben, weil er doch den Zitronensaft getragen habe. Die Geschichte wurde später zu einem Ausgangspunkt für Dunnings Interesse an der Frage, wie Menschen einen gravierenden Fehler machen und gleichzeitig so überzeugt von ihrem Vorgehen sein können.
So absurd die Geschichte wirkt: Sie illustriert den interessanten Teil des Phänomens sehr gut.
Wheeler hatte durchaus Wissen.
Er wusste, dass Zitronensaft mit unsichtbarer Schrift zu tun hat.
Was ihm fehlte, war genügend zusätzliches Wissen, um beurteilen zu können, ob sich diese Erkenntnis sinnvoll auf menschliche Gesichter und Überwachungskameras übertragen lässt.
Das Problem war also nicht völlige Ahnungslosigkeit.
Es war ein kleines Stück Wissen in Verbindung mit einer sehr großen Schlussfolgerung.
Das begegnet uns auch außerhalb des Bankwesens gelegentlich.
Warum ein bisschen Wissen manchmal so überzeugend sein kann
Wer in ein neues Thema einsteigt, lernt zunächst einige zentrale Begriffe und Zusammenhänge.
Das fühlt sich gut an.
Plötzlich ergibt etwas Sinn, das vorher kompliziert erschien. Man kann mitreden. Erste Muster werden erkennbar.
Was Anfänger noch nicht sehen können, ist die Menge an Ausnahmen, Bedingungen, Gegenargumenten und offenen Fragen, die Experten im Laufe der Zeit kennenlernen.
Dadurch können zwei Menschen vollkommen unterschiedlich über dasselbe Thema sprechen.
Der Einsteiger sagt:
„Das ist doch ganz einfach.“
Der Fachmann sagt:
„Grundsätzlich ja – allerdings kommt es darauf an.“
Das wird gern so interpretiert, als sei der Anfänger besonders selbstbewusst und der Experte besonders bescheiden.
Manchmal stimmt das.
Oft kennt der Experte aber schlicht mehr Gründe, warum eine einfache Antwort möglicherweise nicht in jeder Situation trägt.
Mehr Wissen erzeugt damit nicht automatisch Unsicherheit. Es erzeugt häufig differenziertere Sicherheit.
„Ich weiß es“ wird zu:
„Unter diesen Bedingungen spricht einiges dafür.“
Das klingt weniger spektakulär.
Es ist aber häufig näher an der Realität.
Die berühmte Dunning-Kruger-Kurve hat ein kleines Problem
Wenn Sie nach dem Dunning-Kruger-Effekt suchen, begegnen Sie fast zwangsläufig einer wunderschönen Kurve.
Am Anfang steigt das Selbstvertrauen rasant zum „Mount Stupid“. Danach stürzt es ins „Valley of Despair“, bevor sich der Lernende langsam über den „Slope of Enlightenment“ nach oben arbeitet.
Die Grafik ist ein hervorragendes Meme.
Nur stammt sie nicht aus der ursprünglichen Untersuchung von Kruger und Dunning.
Die Originalstudie verglich tatsächliche Leistungen und Selbsteinschätzungen verschiedener Leistungsgruppen. Sie zeigte keine Lernreise, bei der ein Mensch zunächst auf einen Gipfel der Selbstüberschätzung steigt, anschließend verzweifelt ins Tal fällt und am Ende geläutert als Experte wieder auftaucht.
Die populäre Kurve hat sich später im Internet mit dem Namen Dunning-Kruger verbunden. Sie ist eine anschauliche Metapher – aber kein Diagramm der 1999 erhobenen Daten.
Das ist eine hübsche kleine Ironie.
Eine Grafik über die Gefahr, Dinge nicht genau genug zu wissen, wird seit Jahren selbstbewusst mit einer Studie erklärt, aus der sie gar nicht stammt.
Manchmal schreibt das Internet seine Pointen wirklich allein.
Ist der Dunning-Kruger-Effekt inzwischen widerlegt?
Hier wird es wissenschaftlich interessanter.
In den vergangenen Jahren haben Forscher die klassischen Ergebnisse methodisch kritisiert. Ein wichtiger Einwand lautet, dass zumindest ein Teil des bekannten Musters durch Regression zur Mitte und den sogenannten Better-than-average-Effekt entstehen kann.
Vereinfacht gesagt: Wenn Menschen ihre eigene Leistung nicht perfekt einschätzen können, entstehen schon mathematisch bestimmte Verzerrungen. Besonders schwache Teilnehmer können ihre Leistung fast nur nach oben falsch einschätzen, besonders starke Teilnehmer eher nach unten.
2020 kamen Gilles Gignac und Marcin Zajenkowski bei einer Untersuchung zu Intelligenz zu dem Ergebnis, dass sich mit anderen statistischen Verfahren kein überzeugender Dunning-Kruger-Effekt nachweisen ließ und das klassische Muster zu einem großen Teil ein statistisches Artefakt sein könnte.
Damit war die Sache allerdings nicht erledigt.
Eine Replikation aus dem Jahr 2023 fand mit einer großen Stichprobe wiederum einen kleinen, statistisch signifikanten Effekt.
Eine weitere Untersuchung zur kreativen Leistung aus dem Jahr 2024 zeigte sehr schön, warum die Diskussion anhält: Mit der klassischen Auswertungsmethode erschien der Dunning-Kruger-Effekt deutlich, mit moderneren statistischen Verfahren jedoch nicht durchgehend.
Und ebenfalls 2024 kam eine weitere Analyse zu dem Schluss, dass ein möglicher echter Effekt wahrscheinlich wesentlich kleiner ist und deutlich weniger Menschen betrifft, als die populäre Erzählung vermuten lässt.
Die seriöse Antwort auf die Frage „Ist der Dunning-Kruger-Effekt widerlegt?“ lautet deshalb:
Nicht so einfach.
Es gibt gute Gründe, die dramatische Pop-Version anzuzweifeln. Wissenschaftlich umstritten ist vor allem, wie groß und wie eigenständig der Effekt tatsächlich ist.
Weniger umstritten ist die allgemeinere Erkenntnis dahinter:
Unsere Selbsteinschätzung ist nicht perfekt.
Und darin steckt genügend Stoff für den Alltag.
Warum wir den Dunning-Kruger-Effekt so gern bei anderen entdecken
Es gibt einen Grund, warum dieses psychologische Phänomen im Internet so beliebt wurde.
Es ist unglaublich befriedigend.
Sie treffen auf jemanden, der eine vollkommen andere Meinung vertritt und dabei bemerkenswert selbstsicher auftritt.
Und plötzlich haben Sie nicht nur Recht.
Sie besitzen zusätzlich eine wissenschaftliche Erklärung dafür, warum der andere nicht erkennen kann, dass Sie Recht haben.
Das ist psychologisch ausgesprochen komfortabel.
Und wissenschaftlich einigermaßen gewagt.
David Dunning selbst warnt davor, den Effekt als Beleidigung oder Diagnose für andere Menschen zu verwenden. Seine Forschung handle gerade davon, dass wir unsere eigenen Wissenslücken nicht zuverlässig erkennen können.
Wenn ich meinem Gegenüber also erkläre:
„Sie leiden offensichtlich am Dunning-Kruger-Effekt.“
kann das stimmen.
Es könnte allerdings auch sein, dass ich gerade eine elegante psychologische Begründung dafür gefunden habe, warum ich mich mit den Argumenten meines Gegenübers nicht mehr beschäftigen muss.
Das wäre fast schon wieder ein interessanter Forschungsgegenstand.
Der nützlichere Selbsttest
Der Dunning-Kruger-Effekt wird besonders hilfreich, wenn wir ihn nicht benutzen, um andere Menschen zu sortieren.
Probieren Sie bei großer eigener Sicherheit stattdessen drei Fragen:
1. Woher weiß ich das eigentlich?
"Eigene Erfahrung?"
"Eine belastbare Quelle?"
"Mehrere unabhängige Quellen?"
"Oder etwas, das ich einmal gehört habe und seitdem mit erstaunlicher innerer Stabilität weitertrage?"
2. Was müsste ich wissen, um meine eigene Einschätzung überprüfen zu können?
Das ist die unangenehmere Frage. Denn manchmal wissen wir gar nicht, welche Informationen uns fehlen. Dann hilft es, Menschen zu fragen, die nachweislich mehr Erfahrung auf diesem Gebiet besitzen. Nicht damit sie automatisch Recht bekommen. Sondern damit wir überhaupt erfahren, welche Fragen ein Fachkundiger stellen würde.
3. Welche Information könnte meine Meinung verändern?
Wenn die ehrliche Antwort lautet:
„Keine.“
haben Sie möglicherweise keine besonders gut begründete Position.
Sie haben eine Glaubensüberzeugung. Auch das darf vorkommen. Man sollte nur wissen, womit man gerade arbeitet.
Was Kompetenz tatsächlich angenehmer macht
Gute Fachleute zeichnen sich meiner Erfahrung nach selten dadurch aus, dass sie auf jede Frage sofort eine Antwort besitzen.
Häufig erkennt man sie eher daran, dass sie unterscheiden können:
Was weiß ich?
Was vermute ich?
Wo fehlen Informationen?
Was hängt von den Umständen ab?
Und wann sollte ich jemanden fragen, der sich damit besser auskennt?
Das ist keine Schwäche. Im Gegenteil: Die Fähigkeit, die Grenzen der eigenen Kompetenz halbwegs realistisch einschätzen zu können, ist selbst ein Teil von Kompetenz. Vielleicht ist das die praktischste Lehre, die man aus der gesamten Dunning-Kruger-Debatte ziehen kann. Nicht möglichst wenig zweifeln. Sondern an den richtigen Stellen zweifeln können.
Fazit: Ein bisschen weniger Diagnose, ein bisschen mehr Neugier
Der Dunning-Kruger-Effekt ist erheblich spannender als seine Internetversion.
Ja, Menschen können ihre Fähigkeiten überschätzen. Ja, fehlendes Wissen kann dazu führen, dass uns gleichzeitig die Maßstäbe fehlen, um unsere eigenen Fehler zu erkennen.
Aber daraus folgt nicht, dass inkompetente Menschen grundsätzlich mit maximalem Selbstbewusstsein durch die Welt laufen, während Experten demütig in einer Ecke sitzen.
Die Forschung ist differenzierter, die statistische Diskussion noch nicht abgeschlossen – und die berühmte „Mount Stupid“-Kurve hat mit der ursprünglichen Studie weit weniger zu tun, als ihr Ruf vermuten lässt.
Vielleicht ist deshalb ausgerechnet dieser Effekt eine gute Erinnerung an etwas sehr Menschliches:
Je überzeugter wir davon sind, ein Thema endgültig verstanden zu haben, desto interessanter kann gelegentlich die Frage werden:
„Was könnte ich hier noch nicht wissen?“
Und falls Ihnen beim Lesen spontan drei Menschen eingefallen sind, auf die der Dunning-Kruger-Effekt ganz hervorragend passt:
Keine Sorge. Das passiert vermutlich vielen. Vielleicht denken Sie sicherheitshalber noch an einen vierten.
Sich selbst.
Herzliche Grüße aus Düsseldorf
Frank Max | Coach · Autor
Über den Autor
Frank Max arbeitet seit 2006 als Coach und beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie Menschen denken, entscheiden, kommunizieren und manchmal mit bemerkenswerter Eleganz über die eigenen Denkfehler stolpern. Seine Texte verbinden psychologische Einordnung mit einem praktischen Blick auf den Alltag – gern mit einem Schmunzeln, solange dabei niemand zum Vollpfosten erklärt werden muss.
Quellen
Kruger, J. & Dunning, D. (1999): Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments. Journal of Personality and Social Psychology, 77(6), 1121–1134. Die Originalstudie zum später sogenannten Dunning-Kruger-Effekt.
Gignac, G. E. & Zajenkowski, M. (2020): The Dunning-Kruger effect is (mostly) a statistical artefact. Intelligence, 80, 101449. Methodische Kritik am klassischen Auswertungsverfahren.
Dunkel et al. (2023): Reevaluating the Dunning-Kruger effect. Intelligence, 96, 101717. Reanalyse mit einem kleinen, statistisch signifikanten Effekt.
Scientific Reports (2024): No strong support for a Dunning–Kruger effect in creativity. Untersuchung, die je nach statistischem Verfahren unterschiedliche Ergebnisse findet.
Gignac (2024): Rethinking the Dunning-Kruger effect: Negligible influence on a limited segment of the population. Intelligence, 104, 101830. Untersuchung zur möglichen Größe und Verbreitung des Effekts.
Scientific American (2024): Interview mit David Dunning zur ursprünglichen Bedeutung des Effekts, seiner populären Fehlinterpretation und der aktuellen wissenschaftlichen Kritik.


